Jede Zeit hat ihre Architektur. Auch unsere.
Die Gestalt und Ausführung der Architektur wird durch die äußeren (Standortfaktoren, Umwelteinflüsse etc.) und inneren (gesellschaftlich-geistiges Umfeld, Zweckbestimmung, materielle, rechtliche und politische Verhältnisse etc.) Freiheiten und Zwänge bestimmt.
Ich maße mir nicht an zu wissen, welche Architektur die der heutigen Zeit angemessene ist und in 100 Jahren als "typisch" gilt. Aber ich erlaube mir, aus den Freiheiten und Zwängen des begonnenen 21. Jahrhunderts gewisse Ansätze abzuleiten, die meiner Meinung nach bei jeder Bauaufgabe beachtet werden sollten. Mag es sich dabei um die Weiter- oder Umnutzung eines bestehenden Gebäudes handeln oder um die Errichtung eines Neubaus bzw. die Kombination aus beidem.
Ansatz 1: Das Beständigste im Leben ist die Veränderung.
Wir sollten mit Achtung und Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren an den Erhalt und die Weiternutzung derer Hinterlassenschaften gehen, jedoch ohne uns und die veränderten Verhältnisse zu verleugnen.
Ansatz 2: Keiner existiert für sich allein.
Wir dürfen uns bei neuen Bauaufgaben unserer Wurzeln besinnen und gleichzeitig mutig Neues wagen, müssen aber unsere heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse angemessen nutzen, um dem Bewohner/Nutzer und seinen Nachfolgern/Nachbarn das Leben zu erleichtern und in sinnvollem Umfang Gemeinschaft zu befördern.
Ansatz 3: Die Ressourcen unserer Erde sind endlich.
Auch ein Haus muß größtenteils verwertbar bleiben, um es als ganzes einer neuen Nutzung zuzuführen oder seine Teile nach Ende der Nutzung anderweitig zu verwenden. Es muß so geplant und gebaut sein, daß bei Herstellung der Baustoffe, Errichtung des Baukörpers und Nutzung so wenig Energie und Wasser wie möglich verbraucht wird. Die weitgehende Verwendung regionaler bzw. lokaler Baustoffe drängt sich auf.
Ansatz 4: Lebendige Wesen haben Körper, Geist und Seele.
Die Nutzung eines Hauses soll die Bewohner - Mensch, Tier und Pflanze - die im, am oder auf dem Gebäude ihren Platz finden, nicht krank machen, sondern bestenfalls sogar deren Gesundheit und Wohlbefinden befördern. Am schutzbedürftigsten sind Kinder und Kranke, die wichtigste Zeit ist der Schlaf.
Ansatz 5: Gebäude und Räume sollen phantasieanregend und harmonisch sein.
Es ist nicht die Frage, ob gerade oder geschwungen, weiß oder bunt, glänzend oder matt usw., sondern Elemente und Materialien müssen zu uns sprechen, vielleicht sogar singen und uns einladen mitzutun.

Ich bin mir bewußt, Idealvorstellungen zu beschreiben. Aber wenn nicht eine Vision vorangeht, entsteht nur zufällig Besseres oder gar nicht.

Zuletzt: Keine Architektur auf Erden ist für die Ewigkeit bestimmt, selbst wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum einiger Gebäude erst nach ein paar tausend Jahren abläuft. Jedes Gebäude altert und bedarf der Pflege, wenn es seinen Bestimmungszweck erfüllen soll. Bei Computern nennt man das derzeit "Update" oder "Upgrade", bei Gebäuden heißt dies Wartung/Instandhaltung oder Sanierung/Modernisierung. Das sollte bei aller Freude und Erwartung nicht vergessen werden.